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Unser Kirchenblatt
Im Kirchenblatt der römisch-katholischen Pfarreien im Kanton Solothurn können Sie aktuelle Informationen zu Gottesdiensten und Veranstaltungen, Impulse und Gedanken nachlesen.
Leitartikel vom 19. April bis 2. Mai
Ihr seid ein Brief Christi
In diesen nachösterlichen Tagen lesen wir in der Apostelgeschichte vom mutigen Zeugnis der Jünger Jesu, die sich als Gesandte auf den Weg machen. Dieses Gesandtsein erinnert mich an das Bild des Apostels Paulus, das eine überraschende Aktualität erhält: «Ihr seid erkennbar als ein Brief Christi» (2 Kor 3,3). In einer Zeit, in der kirchliche Bindungen brüchig werden und grosse Institutionen an Selbstverständlichkeit verlieren, verschiebt sich das Gewicht: Glaube zeigt sich weniger in Strukturen als im gelebten Alltag. Christen sind heute oft die einzige «Bibel», die andere noch lesen können.
Das ist Anspruch und Zumutung. Denn persönliches Glaubenszeugnis geschieht nicht im luftleeren Raum, sondern im konkreten Leben – mit all seinen Brüchen, Grenzen und Unzulänglichkeiten. Wer sich als «Brief Christi» versteht, steht nicht für makellose Perfektion, sondern für Echtheit. Nicht Tinte und Papier sind entscheidend, sondern das, was «in lebendige Herzen» geschrieben ist.
Der Vergleich mit dem Brief ist dabei mehr als ein schönes Bild. Er erinnert an eine Kultur des Dialogs, der Bedächtigkeit und der Tiefe – ein Gegenentwurf zur oft schrillen, verkürzten Kommunikation der Gegenwart. Briefe wollen in Ruhe gelesen und verstanden werden, sie suchen Resonanz, nicht Applaus. In diesem Sinn ist christliches Zeugnis kein lauter Wettbewerb, sondern ein stilles, beharrliches Gespräch mit der Welt und ihren Fragen.
Dabei gilt: Nicht jeder Brief erreicht sein Ziel. Missverständnisse, Ablehnung oder Gleichgültigkeit gehören dazu. Auch das Scheitern ist Teil dieser «Briefexistenz». Doch gerade darin liegt eine entlastende Perspektive: Der Absender bleibt Christus selbst. Wir Menschen schreiben mit unserer eigenen, unvollkommenen Handschrift – und dürfen darauf vertrauen, dass auch Bruchstücke Sinn tragen.
So bleibt der Zuspruch bestehen: «Ihr seid ein Brief Christi.» Ein Auftrag, der weder laut noch spektakulär sein muss, aber sichtbar werden kann – in Herzlichkeit, in Ernsthaftigkeit, in Versöhnlichkeit. Vielleicht liegt gerade darin seine Kraft: dass er nicht glänzen will, sondern berühren.
Thomas Ruckstuhl, leitender Priester